Els entzaubert siegessicheren Scott
Blackpool, England: Ernie Els fängt Adam Scott auf der Zielgeraden der 141. Open Championship ab und sichert sich nach zehn Jahren und einem Tag seinen vierten Major-Titel. Adam Scott wird nach einem Bogey-Quartett alleiniger Zweiter bei sechs unter Par.
An einen wirklichen Fehler von Adam Scott hatte vor der Finalrunde kaum einer mehr geglaubt. "Sein Schwung sieht einfach zu natürlich aus. Es wirkt nicht so, als ob er plötzlich anfangen würde, Fehler zu machen", hörte man die Medienvertreter im Pressezelt über den Führenden sprechen. Vielmehr war klar, dass es an den Verfolgern liegen würde, den Australier unter Druck zu setzen. Wer sich in den Geschichtsbüchern der Open Championship verewigen wollte, müsste Birdies schießen und auf Fehler von Scott hoffen.
Doch die Verfolger spielten Scott lange Zeit in die Karten. Der erste, der sich aus dem Titelrennen verabschiedete, war Tiger Woods. Gerade der, dem man es am ehesten zugetraut hatte, den Rückstand aufzuholen und sich die Claret Jug zu sichern, scheiterte an den zu hohen eigenen Erwartungen. Nach fünf Löchern hatte Woods bereits zwei große Birdie-Chancen vergeben. Seine Annäherung auf dem längsten Par 4 des Royal Lytham & St. Annes Golfclub (Loch 6 mit rekordverdächtigen 450 Metern) verzog der 14-fache Major-Champion dann in den Pott-Bunker links vor dem Grün. "Der Schlag war einen Yard davon entfernt, richtig gut zu sein", ärgert sich Woods nach der Runde über das fehlende Quäntchen Glück. Fast fünf Minuten stand Woods im Anschluss im Bunker und dem Rough dahinter, konnte sich allerdings nicht für einen Schlag entscheiden.
Das Risiko zahlt sich nicht aus
Sein Ball lag so nahe an der Bunkerwand, dass ein Schlag in Richtung Fahne unmöglich schien. Doch Woods wäre nicht Woods, würde er es nicht dennoch wagen. Der Ball prallte von der Erdwand ab, Woods sprang beiseite, um nicht vom Ball getroffen zu werden. Die Lage danach war allerdings nicht minder unangenehm. Rückblickend beschrieb er die Ausgangslage für den vierten Schlag als "interessant".
Der Weg zur Fahne war zwar frei, der Stand allerdings schlecht. Auf der Bunkerkante sitzend, wagte sich Woods an den nächsten Schlag. Diesmal kam er zwar aufs Grün, ließ den Putt zum Bogey dann aber knapp zwei Meter kurz und verschob auch zum Doppel-Bogey. Drei Schläge waren dahin, und so rückte auch der Titel bei der 141. Open Championship in weite Ferne. "So etwas ist uns allen schon einmal passiert. Mal läuft alles zusammen und man gewinnt das Turnier, ein anderes Mal macht man Fehler und verliert. Das gehört einfach dazu", zieht Woods einen Schlussstrich unter die Open in Lytham & St. Annes. "Insgesamt bin ich zufrieden. Ich habe hier und da einige Schläge liegen gelassen. Vor allem auf den Grüns habe ich viele Putts zu kurz gelassen."
Ein Loch später verabschiedete sich dann auch der Flight-Partner von Woods. Brandt Snedeker musste auf dem ersten Par 5 des Platzes aus dem Fairway-Bunker vorlegen, verzog danach die Annäherung in den vorgelagerten Pott-Bunker und gab zwei Schläge ab. Auf dem folgenden Par 4 unterlief ihm der selbe Fehler vom Abschlag und zwei weitere Schläge waren dahin. Mit drei unter Par und einem Tagesergebnis von vier über Par war es damit auch für den Amerikaner gelaufen. Zwar konnte sich der Führende nach zwei Tagen auf den hinteren Neun noch einmal kurzzeitig fangen, schloss die 141. Open dann aber bei -3 auf dem geteilten dritten Rang zusammen mit Tiger Woods ab.
Open Championship 2012 - Die Finalrunde der Open
Da waren es nur noch zwei?!
Damit richteten sich die Augen auf den finalen Flight um Adam Scott und Graeme McDowell. Zu diesem Zeitpunkt lag der Australier noch bei -9, während sein Mitspieler bereits auf -5 zurückgefallen war. Doch auch der US-Open-Champion von 2010 sollte den Australier nicht unter Druck setzen können. Im Gegenteil. Auf dem kurzen Par 4, Loch 10, pushte der Nordire sein Hybrid in den Fairway-Bunker mit der hochgezogenen Bunkerwand und musste einen Schlag abgeben. Nach einem perfekten Drive am folgenden Par 5 verzog GMac sein kleines Holz dann ins Unterholz links der Spielbahn, erklärte den Ball für unspielbar und fiel einen weiteren Schlag zurück. Am Ende wird es für McDowell mit einem Gesamtergebnis von zwei unter Par der geteilte fünfte Rang zusammen mit der Nummer eins der Welt, Luke Donald. Der Engländer unterschrieb Runden von 68 und 71 Schlägen am Wochenende und schloss die 141. Open Championship versöhnlich ab.
Damit schien Adam Scott der Sieg nicht mehr zu nehmen. Nach dem Birdie auf dem 410 Meter langen 14. Loch und der Verbesserung auf zehn unter Par waren dann auch die letzten Zweifler vom ersten Major-Titel des Australiers überzeugt. Doch plötzlich schlichen sich Fehler bei Scott ein. Auf den Löchern 15, 16 und 17 traf er jeweils Pott-Bunker rund ums Grün und konnte nie das Up-and-Down zum Par retten. "Auf den letzten Löchern konnte ich einfach die entscheidenden Putts nicht versenken", erklärte ein sichtlich enttäuschter Adam Scott nach der Runde. Noch nie war er so nahe an einem Major-Titel wie in dieser Woche. "Fehler können passieren, aber man darf nicht so leichtsinnig die Putts verschieben, wie mir das auf den letzten Löchern passiert ist."
Aus dem Nichts taucht Els auf
Plötzlich tauchte ein weiterer Name auf dem Leaderboard auf, den man bereits nach acht Löchern aus dem Titelrennen verabschiedet hatte: Els lag zur Halbzeit bei einem Tagesergebnis von zwei über Par und mit -3, sieben Schläge hinter dem Führenden. Doch mit einer zweiten Halbrunde von 32 Schlägen und vier Birdies auf den Löchern 10, 12, 14 und 18 verbesserte sich Els auf sieben unter Par und brachte einen strauchelnden Scott weiter in Bedrängnis. "Ich habe den Jubel auf der 18 gehört. Ich musste gar nicht aufs Leaderboard schauen", sagte Scott über die Situation auf der 16. Spielbahn. "Ich wusste, dass ich auf den letzten Löchern keine weiteren Schläge mehr verlieren durfte."
Auf dem Putting-Grün hinter dem Clubhaus stehend, wollte Els dann den Abschlag von Scott auf dem 18. Loch und das Ende dessen Runde nicht verfolgen: "Du wünscht niemandem, dass er verliert, weshalb ich einfach nur Abstand nehmen wollte. Ich wartete auf dem Übungsgrün bis alles vorbei war, und bereitete mich auf ein Stechen vor." Der Australier griff nur zum kleinen Holz, sicher, dass er damit genug Kontrolle über den Ball hatte, um den Bunkern aus dem Weg zu gehen. "Der Wind blies stark von links und ich dachte mir, dass ich den Ball über den Bunkern starten lassen und ihn vom Wind zurücktragen lassen würde. Gerade dann traf ich den Ball ideal und er schoss durch den Wind", beschreibt Scott seine Hilflosigkeit am 18. Tee. Sein Ball landete in einem der drei Sandhindernisse auf der linken Seite. Nahe an der Bunkerwand liegend, konnte Scott nur seitlich herausspielen und musste auf eine präzise Annäherung vertrauen. Auf dem Grün angekommen, trennten ihn dann nur noch drei Meter vom Loch, dem Par auf der 18 und dem Einzug ins Stechen mit Els. Doch auch sein überlanger Putter konnte Scott in dieser Situation nicht helfen. Der Ball blieb von Anfang an links vom Loch und Els konnte sich 20 Meter vom Geschehen entfernt über seinen vierten Major-Titel freuen. "Ich hatte nicht das Gefühl, dass es ein schlechter Putt war", versteht Scott auch in der anschließenden Pressekonferenz noch nicht ganz, weshalb "der Ball links geblieben ist."
'Ernie ist ein verdienter Champion'
"Uns verbindet eine enge Freundschaft und er fand tröstenden Worte für mich", freute sich Scott trotz seiner bitteren Niederlage für Els. "Ich respektiere ihn sehr und er hat sich den Sieg wahrhaft verdient."
"Ich kann es immer noch nicht fassen. Es ist absolut verrückt." Els sitzt kopfschüttelnd in der Pressekonferenz, die Claret Jug wie den heiligen Gral neben sich auf dem Pult stehend. "Es ist zehn Jahre her, dass ich zuletzt in dieser Situation war. Es ist einfach überwältigend, wieder hier zu sitzen." Den entscheidenden Schritt auf die Siegesspur machte Els aber nicht mit einem Eagle oder einem Birdie. "Das Bogey auf der Neun brachte mich in Fahrt. Ich war wirklich wütend auf mich selbst und wollte unbedingt Birdies machen." Also zückte er auf den zweiten Neun öfter den Driver, als im Spielplan vor der Runde vorgesehen war. Plötzlich war er nicht mehr zurückhaltend, nicht mehr eingeschüchtert von den Bunkern. "Ich fühlte mich gut und hatte in jeden Schlag vollstes Vertrauen." Und plötzlich hatte er auch die Fans hinter sich. "Auf den hinteren Neun kamen von Loch zu Loch mehr Zuschauer zu meinem Flight", versetzte Els mit einem leichten Grinsen Woods einen Seitenhieb, der zu diesem Zeitpunkt ein Bogey nach dem anderen spielte. "Es wurde immer lauter. Das hat mich zusätzlich motiviert."
Für den vierfachen Major-Champion geht es nächstes Jahr zur Titelverteidigung auf einen bekannten Platz: Muirfield. Hier hatte er vor zehn Jahren und genau einem Tag seinen ersten Open-Titel geholt. "Muirfiled ist einer meiner Lieblingsplätze. Es ist also alles 'groovy'."
adk



