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Kaymer im Panini-Album
Ben Zinger |
Neulich hatte ich einen Traum. Ich stand gerade im Supermarkt. Ich hatte Chips und Bier im Einkaufswagen, gerade genug für die sechs Freunde, die ich am Abend in meinem Wohnzimmer erwarten würde. Public Viewing hatten wir noch nie gemocht. Wir trafen uns reihum, vier Tage Weltklassesport, vier verschiedene Wohnzimmer. So machten wir es immer.
Zuhause lenkten uns keine Massen von Mode-Fans ab. Wir konnten die eineinhalb Stunden Vorberichte mit Profi-Experte Bernhard Langer, Trainer-Experte Marco Schmuck und Promi-Experte Oliver Kahn genießen, die Major-Stimmung vor Ort aufschnappen und uns auf den Kommentator Marcel Reif stürzen, der dank Co-Kommentator Philip Kaymer ganz erträglich daherredete.
Wir wetteten im Internet auf unsere Favoriten, diskutierten darüber, ob Bernhard Langer mit seiner Kritik an Marcel Siem in einer der unzähligen Tageszeitungskolumnen Recht hatte oder nicht, und ob Martin Kaymer zu wenig Turniere spielte, wie es Franz Beckenbauer in der Bild beklagt hatte. Major-Virus - landesweit.
Wir saßen täglich acht Stunden vor Live-Golf, die Shirts unserer Favoriten auf dem Leib, Chips und Bier im Bauch und das Panini-Album mit den Golf-Sammelklebereien auf dem Wohnzimmertisch: Tausche drei Mickelsons gegen einen Ritthammer - der junge Shootingstar entwickelte sich zu einem der beliebtesten, weil seltensten Motive. Doch auch die Aufnahmen von den herausragenden Turnierdestinationen waren sehr begehrt. Denn nicht alle deutschen Fans hatten das Glück gehabt, über den streng limitierten Ticketverkauf der USGA Karten für die US Open in Pebble Beach zu ersteigern.
Die Expertenrunde grüßte aus St. Peter-Ording, tausende Golf-Fans hatten sich dorthin auf den Weg gemacht. Das ZDF sperrte vor der "Seebühne" schon mittags um 14 Uhr den Strand, von dem aus TV-Deutschland zwischen 18 Uhr am Abend und 2 Uhr in der Nacht in die USA schaute. Auf der Fanmeile in Berlin kontrollierte am ersten Tag noch die Polizei. Bis zum Moving Day hatte sie das unmögliche Unterfangen jedoch aufgegeben, minderjährige Fans nach Mitternacht nach Hause zu schicken.
Aber das musste bis nach der US Open warten. Als die Kassiererin meine Nussnougatcreme-Marken gegen Greenfeegutscheine tauschte und ein "schönes Spiel" wünschte, wachte ich auf. Ich lag vor dem Fernseher. Alleine. Mario Gomez hatte gerade ein Tor geschossen.
Zum Abschluss der Übertragung sang der Fanchor jede Nacht die von Alice Cooper komponierte Golfer-Hymne "All the Birdies are already here" und Günter Jauch fragte am Sonntag: " Wie sehr hat der Golfsport unsere Gesellschaft verändert?"
Nicht so sehr, meinte die ältere Frau an der Supermarktkasse. Sie hatte gerade die Überraschungseier mit den Golfer-Figuren aufs Band gelegt ("Der Woods, der fehlt meiner Kleinen noch!"), die zwei Paletten Birdie-Schnäpse ließ sie im Wagen. Ich nahm mir noch den Spiegel aus dem Zeitschriftenregal. "Milliardenpoker", las ich auf dem Titelbild: "Die schmutzigen Tricks beim Kampf um die Golf-TV-Rechte:"
Die Men's Health mit den "Fitness-Tipps von Kaymer und Co." ließ ich liegen. Die hatte ich zuvor schon in einer der vielen Golf-Sendungen im Fernsehen vorgeführt bekommen. Noch nicht gesehen hatte ich jedoch den Kinofilm "Get in the Hole", ein Actionkracher mit Ben Affleck als Martin Kaymer, Will Smith als Tiger Woods, Jack Black als Bubba Watson, Owen Wilson als Marcel Siem und Adam Scott als Adam Scott.
Der Autor
Golf.de-Mitarbeiter Ben Zinger* musste sich monatelang die bösen Bemerkungen der Kollegen über sein Handicap gefallen lassen. Damit soll jetzt Schluss sein. Von den unverändert schmählichen 54 zu Ostern will es der gefühlte Endzwanziger bis in den Bogey-Golfer-Bereich schaffen. In seinem Blog wird der Einsteiger von Trainerstunden, Turnierrunden und sonstigen Erfahrungen in der neuen Golf-Welt berichten. (Die Anonymität soll ihm dabei alle Freiräume geben.)
*die Kollegen gaben ihm einen passenden Namen, der Zeichner Gerd Hilbig portraitierte den Junggolfer.
Ein Benzinger [ˈbn̩tsɪŋəʀ] beschreibt einen Schlag, vorwiegend im kurzen Spiel, bei dem erst der Boden und dann der Ball getroffen wird. Man sagt auch: Er hat den Ball gebenzt. Der gespielte Ball ist daraufhin natürlich nicht wirklich brauchbar.

