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Das Denken bitte hier abgeben
Ben Zinger |
Es ist zum Verzweifeln. Wie Fußballspiele gegen Italien, wie verlorene Bälle auf der Turnierrunde, wie die Wahl zwischen Golf und Ehefrau. Es ist das Jahr der nächsten Stufe. Zweite Saison, Level zwei. Doch noch zündet in meinem Golfspiel weniger als in einer feuchten Steinzeithöhle.
Jede 90er Runde ist weiter entfernt als Cape Canaveral. Raketenfehlstarts bei jedem wichtigen Drive, auch die Lady wollte neulich wieder mitmischen. Was tun? Je mehr ich derzeit die Schläger aus dem Bag hole, desto weniger glücklich stecke ich sie wieder zurück. Und je seltener ich es tue, desto glücklicher machen sie mich.
Was ist da los? Warum spiele ich am besten, wenn ich lange nicht gespielt habe. Wo soll das hinführen? Wo ist der Ausgang aus dem Labyrinth nur eventuell selbstverschuldeter Untauglichkeit?
Der Sportwissenschaftler würde wohl sagen, der Körper muss sich an neue Anforderungen erst gewöhnen, nach einer längeren Pause haben sich angeeignete Fähigkeiten vielleicht eher automatisiert. Der Psychologe in mir erklärt, die Erwartungen an ständiges Training, der damit gesteigerte Leistungsdruck und der innere Zwang zur Verbesserung würden jede Stagnation zum Rückfall degradieren. Jeder schlechte Tag im harten Trainingsalltag wird zum Fiasko überhöht.
Dennoch, das sieht auch der blindeste Nicht-Akademiker: Nach längerer Golfpause schwinge ich lockerer, lässiger und genauer. Je mehr ich spiele, desto mehr Teile meines Körpers fordern Einlass in die Schaltzentrale meines Schwungs - in erster Linie der Kopf, der denkt, er hätte auch auf dem Golfkurs etwas zu melden. Das ist natürlich Humbug. An den Clubeingang muss ein Schild: Das Denken bitte hier abgeben.
Wahrscheinlich ist des Rätsels Lösung ein längerer Prozess. Ich werde in Zukunft jeden Tag Bälle schlagen. Ich werde mich durch verkrampftes Hacken kämpfen, mir nichts anmerken lassen, tapfer bleiben und in Würde dilettieren. Und nach einer gewissen Weile drossle ich das Pensum auf normales Niveau - nicht nur mein Privatleben wird mir dafür danken. Denn wenn ich dann lediglich zwei bis drei Mal in der Woche schwinge, werde ich dank der gefühlt langen Pausen locker und unbeschwert die 90er Runden angreifen können.
Ein Raketenplan, der nur einen kleinen Makel hat: Mein Glaube an diesen Plan und meine Verbissenheit in der Durchführung setzen mich ja dennoch unter immensen Leistungsdruck. Unbeschwert geht anders. Unbeschwert ist aber Pflicht.
Große Erwartungen sind der Feind niedriger Scores. Das ist im Golf wie im wahren Leben. Bei Barack Obama, dem Messias von 2008, waren nach dem Wahltriumph schnell vor allem die Umfrageergebnisse niedrig (seine Golfrunden-Scores sind nicht bekannt). Und wenn ich mir früher monatelang das Playmobil-Schiff gewünscht habe, war es am zweiten Weihnachtstag schon langweilig.
Ich werde mich in Zukunft nur noch auf frische Luft, den Geruch des Grases, nette Unterhaltungen und eine gesunde Gesichtsfarbe am Abend freuen. Alles andere wird dann von selbst kommen.
Der Autor
Golf.de-Mitarbeiter Ben Zinger* musste sich monatelang die bösen Bemerkungen der Kollegen über sein Handicap gefallen lassen. Damit soll jetzt Schluss sein. Von den unverändert schmählichen 54 zu Ostern will es der gefühlte Endzwanziger bis in den Bogey-Golfer-Bereich schaffen. In seinem Blog wird der Einsteiger von Trainerstunden, Turnierrunden und sonstigen Erfahrungen in der neuen Golf-Welt berichten. (Die Anonymität soll ihm dabei alle Freiräume geben.)
*die Kollegen gaben ihm einen passenden Namen, der Zeichner Gerd Hilbig portraitierte den Junggolfer.
Ein Benzinger [ˈbn̩tsɪŋəʀ] beschreibt einen Schlag, vorwiegend im kurzen Spiel, bei dem erst der Boden und dann der Ball getroffen wird. Man sagt auch: Er hat den Ball gebenzt. Der gespielte Ball ist daraufhin natürlich nicht wirklich brauchbar.

