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Golf? Nichts verstanden
Ben Zinger | 08.05.2012 | 16:17 Uhr
Auch jemand wie Colin Montgomerie hat nicht alles verstanden
Auf wie viele einst so glorreiche Momente des Lebens schaut man als mittelalter, erwachsener Mann nur noch peinlich berührt zurück. Stotterstarts auf Stehblues-Partys mit Korbgarantie, pubertäres Silberrücken-Gehabe samt Klassenbuch-Einträgen und Direktorentermin, schlimme Konzerte mit der Schulband, die wachsende Sammlung an Semestern im Studium, KFZ-Werkstatttermine, nachdem man schön selbst das falsche Öl in den Motor geleert hat oder - ganz viel, was mit Golf zu tun hat.
Das mag in erster Linie nicht für den Sport sprechen. Es ist aber genau das Gegenteil. So wie eine Reihe unangenehmer Anekdoten das weibliche Geschlecht zum Gegenstand haben, so ist auch die zweite große Leidenschaft eben Zentrum eines sich im Nachhinein errötenden Kopfes - weil eben viel Herzblut drinsteckt.
Und diese Begeisterung reißt einen manchmal über den Abgrund hinweg. Ich meine nicht nur Querschläger auf der Driving Range, nicht die Sockets am ersten Abschlag, die Besuche auf fremdem Fairways, wo gerade der Single-Handicapper-Flight seine Blitzrunde dreht. Und auch nicht der gechippte Ball auf die Terrasse des Nachbarn beim abendlichen Gartengolf.
Was mich heute am meisten beschämt, ist das Halbwissen, das ich - gefährlicher als meine Gartenchips - an Freunde hingebabbelt habe. "Greife etwas fester, schlage etwas mehr von hinten, ziehe mehr mit dem linken Arm." Woher, in Woods'schem Namen, hatte ich diese Dreistigkeit, mir als Fast-Anfänger solche Dinge anzumaßen!?
Es ist wie bei allem, was man in dieser Welt lernen kann: Je mehr ich weiß, desto mehr weiß ich, dass ich nichts weiß. Das Wissen, hier respektive das Können, wächst von einer kleinen Erbse zu einem großen Gesundheitsball, zu einem Heißluftballon, zu einem kleinen Mond. Ich bin Handball, Rory McIlroy ist irgendetwas mit Umlaufbahn.
Und mit gesteigertem Umfang wächst auch die Kontaktfläche zum großen Dunkel drum herum - und damit die Erfahrung, wie viel es da draußen noch zu erforschen gilt. Diese Erfahrung war mir zu Beginn noch nicht vergönnt und ich dachte, Golfen kann doch nicht so schwer sein. Ich weiß nicht, ob ich jemals dümmer war als damals.
Inzwischen habe ich gelernt - und halte den Mund. Ich spiele und schweige. Und höre Golfern zu, die etwas zu sagen haben. Wie Bernd Wiesberger, ebenfalls Planeten-Liga. Der sagt: "Man kann Golf nie ganz verstehen, nie zu 100 Prozent erlernen." Recht hat er. Und allein diese Erkenntnis gibt einem ein paar Prozent. Demut hilft auch hier. Demut übt gut. Und Übung ist besser als Verstehen.
Wer denkt, er versteht, hat nichts verstanden. Der Ball muss ins Loch. Der Rest bleibt ein Rätsel.
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Dschungelprüfung Golf-Büro
Ben Zinger |
Die Kollegen kannten keine Gnade...
Es ist wie Ausdauertraining mit kenianischen Leichtgewichten oder wie Wettessen gegen japanische Sumoringer. Ich spreche nicht von schlechten Reality-Formaten im Fernsehen. Es ist der Alltag als Golf-Neuling in einem Golf-Unternehmen.
Man könnte ja meinen, nach einem guten Jahr hätte man sich an alle Spitzen, den Spott und das Gelächter gewöhnt. Doch mit jedem neuen Erlebnis auf einem Golf-Kurs, jeder Euphorie über schöne Schläge und verrückte Runden, vergisst man seine Zurückhaltung, rennt zum Kollegen, schwärmt vom ach so grandiosen Sport - und bekommt im Glücksfall gerade mal ein sanftmütiges Lächeln geschenkt. Von Anteilnahme keine Rede.
Im Normalfall reicht das Replikspektrum vom genervten Ignorieren bis zum Spott, das alles doch gar nicht verstanden zu haben. Unter Single-Handicappern ist der motivierte Einsteiger ein dilettantischer Anfänger. Ich brauche nach diesen zwölf Monaten keine Dschungelprüfung mehr - wer seinen Schwung, als Karikatur überzeichnet, von der Kollegenschaft vorgeführt bekommt, weiß, wie das bittere Leben schmeckt.
Dennoch geht man immer wieder gerne mit den Kollegen zum Golf - wenn sie einen denn mitnehmen. Immer wieder hofft man, doch etwas Fortschritt demonstrieren zu können, Lob einzuheimsen und irgendwann vielleicht doch in den Kreis der "Verstehenden" aufgenommen zu werden.
Doch erneut muss man sich Witze gefallen lassen. Über Taktikfehler, Schlägerwahl und "viel zu viel Kraft". Ist der Mythos vielleicht falsch, das fähige Mitspieler einen besser machen? Ich zweifle inzwischen sogar selbst. Werde ich wirklich besser oder gewöhne ich mich nur an mein schlechtes Spiel?
Eine harte Hand, die einen leitet, lehrt Demut und vermeidet Bequemlichkeit. Aber manchmal sehnt sich der Lernende doch nach etwas Zuspruch. Ich habe keine höhere Macht angefleht, den Wunsch nicht an den Osterhasen geschickt. Dennoch wurde ich erhört.
Es war ein trüber Tag auf der Driving Range, es regnete, die Abschläge waren verwaist, mein letzter Korb schenkte mir noch einmal zwei Bälle, ich wusste, sie würden mir nicht reichen für ein gutes Gefühl auf der Heimfahrt. Aber wann hat man das schon nach 200 Versuchen auf der Range?
Ich platzierte also meinen vorletzten Ball, als eine Frauenstimme hinter mir fragte, ob es in Ordnung wäre, wenn sie mit ihrer Freundin zuschauen würde. Ich dachte erst, die zwei Damen mittleren Alters wären von meinen Kollegen und der versteckten Kamera engagiert. Oder hätten selbst Spaß am spöttischen Witz. "Schau Spatzerl, so macht man das gerade nicht."
Es kam anders. Ich schlug meine Bälle, Unfälle wurden glücklicherweise vermieden. Der Nebel verschluckte meinen Hook. Zum ersten Mal überhaupt war ich froh, keine Bälle mehr zu haben. "Sie sind hier Lehrer, oder?", fragte es hinter mir. Ich schaute mich nach meinen Kollegen um. Redete sie mit mir? Sie schauten mich an. Ich sagte 'nein' und versuchte mich am Spagat zwischen freundlich und überrascht. Dann flüchtete ich.
Meinen Kollegen erzählte ich natürlich von der Begegnung. Sie lachten, laut. Für sie war es der Witz des Jahres. Ich mag sie trotzdem.
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Sind Golfer die besseren Menschen?
Ben Zinger |
Da fliegt er wieder, der Schläger...
Nicht unweit von hier wurde vor ein paar Tagen die Frage aufgeworfen, wie viel Emotionen dem Golfer gut tun. Oder ob sie überhaupt etwas verloren haben in diesem Spiel, auf dem noch viel mehr als irgendwo sonst unglaubliche Erziehungserwartungen ruhen. Martin Kaymer hat einmal gesagt: Wäre er Fußballprofi geworden - wozu er nach Ansicht mancher Beobachter, darunter er selbst, neben des erforderlichen Talentes erwiesenermaßen auch den nötigen Ehrgeiz habe –, dann wäre er heute ein anderer Mensch.
Der Golfer Kaymer ist nicht der, der der Kicker Kaymer geworden wäre, soll das wohl heißen. Jede weitere spekulative Wertung verbietet sich an dieser Stelle, der Beweis wird auch freilich nie erbracht werden können, den Fußballprofi Kaymer gibt es nicht. Doch die Vermutung darf durchaus angestellt werden, dass Deutschlands bester Golfer Recht hat - auch weil er als Experte auf diesem Gebiet zählen kann.
Ein großer Teil der Charakterschulung, auf die Golf-Verantwortliche immer hinweisen und mit der jeder Golf-Anfänger früh in Berührung kommt, wenn er die Augen offen lässt, basiert auf Selbstbeherrschung. Schon bei den ersten Schlägen auf der Range bemerkte ich einen erstaunlichen Zusammenhang: Je weniger der Schläger fliegt, desto weiter fliegt der Ball. Beruhigende Gedanken befördern aufregende Schläge.
Und so wurde ich ruhiger. Wenn mich Weggefährten meiner jugendlichen Sportlaufbahn heute auf dem Golfkurs sehen könnten, würden sie nach der Adresse meines Psychiaters fragen. "Mein Freud ist der Golfsport“, würde ich antworten - und das klingt nicht zufällig wie die schwäbische Mundartversion von "meine Freude ist der Golfsport“. Es ist die logische Folge.
Natürlich ist es nicht so einfach. Der Weg vom jugendlichen Sportrüpel zum gelassenen Gentleman-Golfer ist noch weit. Meine Tennisschläger hatten früher mehr Macken als Boris Beckers Lebenslauf, und meine Eltern hatten als Zuschauer meiner Fußballspiele mehr Fremdschäm-Momente als heute beim Privatsender-Zapping.
Dieses dunkle Tal habe ich durchschritten. Inzwischen benutze ich seit zwei Jahren denselben Tennisschläger (ohne Macken, ich nenne ihn Federer) und beim Fußballspielen bin ich anständiger als Philipp Lahms Frisur. Ich habe keine Kinder bekommen, ich hatte keine Kehlkopfoperation und der Arzt hat mir kein Ritalin verschrieben. Ich habe einfach ein paar Runden Golf gespielt. Ruhig, sachlich und - in meinem bescheidenen Anspruchskosmos - erfolgreich. Der Golfer Ben ist ein anderer als der Nicht-Golfer.
Sind Golfer also, frech formuliert, die besseren Menschen? Sicherlich nicht. Für diese Antwort reichen 18 Löcher und zwei Stunden auf der Clubterrasse. Doch das Angebot besteht, man muss es nur annehmen. Es verhält sich wie mit Internet und Fernsehen. Beides macht nicht automatisch dumm. Wer es richtig nutzt, kann viel lernen. Wer sich keine Gedanken macht und sich berieseln lässt, ja, der landet eben bei Schund-Web und Reality-Dokus. Der Lerneffekt bleibt aus. Mindestens.
Ich habe an dieser Stelle mal den Ausdruck Wissensschere gelesen, das hat mich seither nicht losgelassen - gerade in Bezug auf Golf. Wer gewissenhaft golft, kann sehr viel mehr lernen als einen Hook aus dem Unterholz.
Doch weil wir bei Emotionen gestartet sind: Natürlich kann man mir gute und schlechte Schläge immer noch am Gesicht ablesen. Wieso auch nicht? Sport ist Emotion, das schreibe ich nicht zum ersten Mal. Ich stehe schreiend im Wohnzimmer, wenn Kaymer zum Eagle locht, ich klatsche, wenn Bubba Watson Bubba-Golf spielt.
Also darf ich auch mal die Faust ballen, wenn Ben nicht benzt. Und manchmal hebe ich die Hand an das Schild meiner Kappe und grüße in Richtung imaginäre Tribüne. Meine Golf-Kumpels tun das auch, ich mag es sehr. Ich lache dann, auch wenn ich selbst mit acht Schlägen noch im Bunker stecke. Der Ärger verfliegt mit jeder lächerlichen Pseudo-Geste eines Flight-Partners. Wir haben gemeinsam Spaß, im Tennis war das nicht möglich.
Und wenn dann der Schläger fliegt, dann nur, weil die Arme gleichzeitig gen Himmel gerissen werden. Zum Jubel.
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Der Autor
Golf.de-Mitarbeiter Ben Zinger* musste sich monatelang die bösen Bemerkungen der Kollegen über sein Handicap gefallen lassen. Damit soll jetzt Schluss sein. Von den unverändert schmählichen 54 zu Ostern will es der gefühlte Endzwanziger bis in den Bogey-Golfer-Bereich schaffen. In seinem Blog wird der Einsteiger von Trainerstunden, Turnierrunden und sonstigen Erfahrungen in der neuen Golf-Welt berichten. (Die Anonymität soll ihm dabei alle Freiräume geben.)
*die Kollegen gaben ihm einen passenden Namen, der Zeichner Gerd Hilbig portraitierte den Junggolfer.
Ein Benzinger [ˈbn̩tsɪŋəʀ] beschreibt einen Schlag, vorwiegend im kurzen Spiel, bei dem erst der Boden und dann der Ball getroffen wird. Man sagt auch: Er hat den Ball gebenzt. Der gespielte Ball ist daraufhin natürlich nicht wirklich brauchbar.

