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VON WEGEN ALTHERRENSPAZIERGANG!Pennäler-Golf anno 1890: Ein historisches Plädoyer für die Jugend im GolfsportNein, es waren nicht bloß Aristokraten und Kaufleute, Honoratioren und Kurgäste, die in Deutschland als Erste den Golfschläger schwangen. Es gab auch jene aufmüpfige Schar von Schülern und Studenten, die sich auf den Wiesen zwischen Bad Cannstatt und Stuttgart einem sportlich frechen Golfspiel hingaben. Sie rebellierten damit gegen die schulmeisterlich steife Körperertüchtigung in deutschen Turnhallen und gegen den militaristisch angehauchten Kommandoton im Geiste eines frisch erwachten Nationalismus.
Golf über Stock und Stein Für ihr Golfspiel brauchen die Pennäler keine gepflegten Fairways oder Grüns. Auf dem improvisierten Golfspielplatz am rechten Neckarufer bilden Stechginster und Heidekraut ein unverfälschtes Rough, das sich quer über die Spielbahnen ausbreitet. Je mehr Hindernisse ihren Weg blockieren, desto größer ist der Spaß der jugendlichen Spieler. Gegen Sandhügel, Gräben, Bäche, Bäume, Hecken, Dämme, Hohlwege, Fußstege, Landstraßen und Eisenbahnenschienen haben sie nichts einzuwenden. Dem Abschlag widmen sie ein wenig
zusätzliche Aufmerksamkeit. In Abständen von hundertfünfzig bis vierhundert
Metern suchen sie eine halbwegs ebene Grasfläche, die sie kurz halten und mit
Sand oder Ruß präparieren. Ohne größere Umstände entstehen auch die Grüns: „Wir
hatten“, so erinnert sich vierzig Jahre später einer der damaligen Spieler,
„keine sorgfältig hergerichteten ‚Putting Greens’, sondern stachen die Löcher
auf einer ebenen Stelle dort, wo wir es gut fanden.“ Dem Spaß und dem
sportlichen Erlebnis tut dies keinerlei Abbruch, im Gegenteil: „Sicher
vergnügten wir uns besser, als wenn das Spiel auf einer nach allen Regeln der
Kunst hergerichteten Golfbahn vor sich gegangen wäre“, heißt es in den
Erinnerungen weiter. Moderne Crossgolfer mögen hier den eigentlichen Ursprung
ihrer gar nicht so originellen Trendsportart erkennen.
Ein gewisser Philipp Heineken, 1890 nur siebzehn Jahre alt, wird zum guten Geist und Theoretiker der neuen Spielbewegung und wirkt weit über den Cannstatter Wasen hinaus. Der Anführer der schwäbischen Pennäler schreibt und übersetzt Anleitungen für regelgerechtes Spielen, richtige Technik und Wettkampforganisation. Er legt ein dreihundertseitiges Handbuch vor, das die Stuttgarter Hofbuchhandlung unter dem Titel „Die beliebtesten Rasenspiele“ veröffentlicht. Es ist ein Manifest zur Bewegung in der freien Luft und gegen den traditionellen Turnunterricht. 1898 erscheint sein Buch „Das Golfspiel“ - die erste Golfmonografie in Deutschland. ![]()
Mit der Etikette auf KriegsfußZunächst wissen die Jugendlichen von Cannstatt nicht, an welche
Golfregeln sie sich halten sollen. So übersetzen die Schüler die Regeln des
Royal and Ancient Club im schottischen St. Andrews von 1888 ebenso wie die
Richtlinien der Isle of Wight. Als Heineken schließlich die R&A-Regeln von
1893 ins Deutsche überträgt und in der Clubzeitschrift veröffentlicht, wird St.
Andrews auch auf dem Cannstatter Wasen zur maßgeblichen Instanz. Die wichtigste
Regel aber scheint zu sein, dass sich ein wahrer Golfspieler durch keinerlei
Unbill von seiner Leidenschaft abhalten lässt: „Weder Frost noch Hitze, Sommer
noch Winter, Tag noch Nacht verleidet ihm sein Spiel. Im Schneegestöber
schreitet er mit derselben Befriedigung über das Feld wie an einem schönen
Frühlingstage. Reicht der Mondschein nicht aus, so müssen Blendlaternen zu Hilfe
genommen werden“. Spielverderber setzen sich durchGegner dieser Cannstatter Spielbegeisterung lassen nicht lange auf sich warten. Die Schafspächter des Wasens machen den Spielbetrieb für Unruhe und Futtermangel unter ihren Tieren verantwortlich. Sie beklagen sich über das „Sauspiel“, das hier jeden Sonntag stattfinde. Dem folgt die theoretische Verteufelung. Ein Stuttgarter Turnprofessor geißelt den englischen Sportbetrieb: alles sei „gemein, lächerlich, lümmelhaft“ - eben kein diszipliniertes deutsches Turnen. Heineken kontert mit Lobreden auf seinen „jungen daherstürmenden Sport“. Doch schließlich enden er und seine jugendlichen Mitspieler in einer sportpolitischen Sackgasse. Die offensive Propagierung britischer Spieltraditionen will nämlich ins zunehmend nationalistisch gestimmte kaiserliche Deutschland nicht mehr passen. Die Sporterziehung setzt vielmehr auf „anerkannt treffliche deutsche Spiele“. Auf diese Weise verhallen Heinekens Appelle für ein sportlich jugendliches Golfspiel; schon kurz nach der Jahrhundertwende ist es auch auf dem Cannstatter Wasen Vergangenheit. Stattdessen bürgert sich die Ansicht ein, dass Golfschläger in ältere, betuchte Hände gehören. Die Jugend und das sportliche Element bleiben deshalb im deutschen Golfsport für viele Jahrzehnte eine Randerscheinung. Es ist die bedauerlichste Fehlentwicklung eines Golf-Jahrhunderts. Von Volker Mehnert und Dietrich R. Quanz |
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