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ABSCHLAG AM ABGRUNDGolf im Dritten Reich: ein sportlicher Nebenschauplatz des großdeutschen WahnsMan spielte Golf. Genauso wie man zur Arbeit oder am Sonntag zur Kirche ging. Auch am Rande der Fairways vernahm man die kämpferischen Töne und die Direktiven der politischen und sportlichen Führer - mit Entsetzen, Gleichgültigkeit oder Enthusiasmus. Man hörte in Clubhäusern und auf Versammlungen die nationalistischen Sportparolen, und während die einen sich passiv daran gewöhnten, sahen andere darin die Chance, ihrer Randsportart mehr Ansehen zu verschaffen. Man ließ den Rauswurf jüdischer Mitglieder aus den Clubs geschehen: manch einer mit Widerwillen, andere mit Wohlwollen, und wieder andere kassierten hemmungslos zurückgelassene Schläger und Bälle ein. Golf im Dritten Reich - das war die Freizeitbeschäftigung einer winzigen Minderheit in schrecklicher Zeit, ein harmlos erscheinendes Rädchen im Getriebe der Kriegsvorbereitung, ein sportlicher Nebenschauplatz des großdeutschen Wahns.
1933: ein merkwürdiges GolfjahrMerton, wie sein Vorgänger Herbert Gutmann jüdischer Herkunft,
musste schon bei seiner Amtsübernahme die Drohungen in nationalsozialistischen
Propagandareden vernehmen. Ende Januar 1933 leitete er seinen einzigen
Verbandstag als DGV-Präsident. Noch prognostizierte er gutgläubig „eine günstige
Weiterentwicklung“. Zwei Tage später begann die „tausendjährige
Zeitrechnung“.
Dem Vorspiel am Main folgte im September auf Verbandsebene die Hauptaktion gegen den schon in Frankfurt ausgegrenzten Merton. Beinahe stillschweigend wurde er abgelöst; rechtzeitig konnte er sich daraufhin ins Exil absetzen. Scheinbar aus dem Nichts berief der Reichssportführer den Sektfabrikanten und Präsidenten des Wiesbadener Golf-Clubs, Karl Henkell, zum „Führer“ des DGV. Offenbar hatte man sich längst arrangiert, der Zeitablauf jedenfalls spricht für eine langfristige Vorbereitung des Coups: Im Juli schwärmte das Fachblatt „Golf“ vom Clubpräsidenten Henkell, im August spielte man in Frankfurt die Verdrängung von Alfred Merton durch, und im September präsentierte von Tschammer dem Verband Karl Henkell. ![]()
„Golf Heil!“„Aufwärts!“ geht es, freute sich das Fachblatt „Golf“ unter der
Leitung von Bernhard von Limburger, weil der Golfsport beim Umbau des deutschen
Sports nicht vergessen würde. Henkell galt der Redaktion als Garant für „Neues
und Wertvolles.“ Der Verbandsführer demonstrierte seinerseits Kontinuität und
berief Teile des alten Präsidiums in seinen, allerdings nur mehr beratenden,
„Führerkreis“. Ende 1933 machte der DGV auch den Clubs die Umstellung auf das
Führerprinzip zur Pflicht. Einvernehmlich ließ der Verbandstag 1934 eine
„Sonderermächtigung“ für den Verbandsführer verlesen. Die Gewohnheit in
Sportclubs und Sportverbänden, einigen Bereitwilligen die Geschicke rund ums
eigene Sporttreiben zu überlassen, mochte den grundsätzlichen Umschwung der
Organisation in den Kopfstand nur als unpolitische gymnastische Übung erscheinen
lassen. Die Mehrheit hielt es wohl, gewollt naiv, mit den Worten ihres
Verbandsführers: „Was kann es Schöneres geben, als im Kreise von Golfern nur
über Golf zu reden.“ In Berlin 1936 sollte Golf wieder olympisch auftreten. So jedenfalls wollten es die Deutschen. Doch selbst ein Reichssportführer konnte nicht einfach eine neue Sportart ins olympische Programm drücken, das IOC blieb bei seinem Nein. Der Reichssportführer schenkte deshalb den nichtolympischen Sportarten eine „Nacholympiade“. Die traditionelle „Große Baden-Badener Sportwoche“ wurde olympisch aufgeladen, ein „Großer Golfpreis“ ausgeschrieben. Viele Länder blieben allerdings dem Ereignis fern. Das Magazin „Golf Illustrated“ bezweifelte das Wehen des olympischen Geistes und kritisierte die Teilnahme der Engländer an dieser Veranstaltung „zum Schaden des Golfsports“. Zu deutlich waren die braunen „Ehrenpreise von den höchsten Stellen des Reiches“, unter anderen von Hitler persönlich. Die Briten trugen den Sieg davon, und Karl Henkell überreichte ihnen den „Führerteller“. Die beiden britischen Golfspieler stiegen daraufhin zu Nationalhelden auf, die es Hitler gezeigt hätten. Noch während die olympischen Kulissen abgeräumt wurden,
bereiteten die Nationalsozialisten die gnadenlose „Lösung der Judenfrage“ vor -
auch beim Golfverband. Zum 1. Januar 1937 wies man die Vereine an, den
„Reichsbürgerbrief“ als Bedingung für die Mitgliedschaft zu verlangen. Die Clubs
folgten gehorsam und forderten alle Mitglieder ohne dieses Dokument auf, ihr
Ausscheiden aus den Clubs anzuzeigen. Die betroffenen jüdischen Golfer mussten
sich also noch selbst abmelden. So spiegeln die Bestandszahlen des Deutschen
Golf Verbandes im Jahrbuch 1939 entgegen dem damaligen Aufschwunggerede einen
kräftigen Rückgang der Clubmitglieder wider. Bis 1936 gingen fast dreihundert
von 4.900 Golfern verloren. Von 1936 auf 1937 verringerte sich ihre Zahl
nochmals um 450. Ab 1938 wurde auf Führerbefehl der gesamte Sport von der Partei „betreut“, der neue Briefkopf des DGV lautete entsprechend: „Deutscher Golfverband im Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen“. Im November 1938 trat erstmals ein großdeutscher DGV auf, der auch für Vereine in Österreich und der Tschechoslowakei sprach und „in tiefer Freude und mit besonderem Stolz den Zuwachs erstklassiger Meisterschaftsplätze“ begrüßte. Nach Kriegsbeginn aber fielen die Meisterschaften aus, Golfenthusiasten spielten nur noch Privatrunden auf halbwegs hergerichteten Plätzen. Doch die nationale Euphorie ging weiter. Der einzige Kriegs-Verbandstag in Berlin feierte 1942 eine neue Höchstzahl von 65 Clubs, indem man den Eroberungen der Wehrmacht folgte und Clubaufnahmen von Straßburg und Luxemburg bis Kattowitz und Bled absegnete. Die Golfzeitung schwärmte von Golfplätzen, die „unsere Truppen bei ihrem herrlichen Vormarsch“ erobert hätten. Nach Ausrufung des „totalen Krieges“ kämpfte man schließlich nur noch für das Prädikat „kriegswichtig“, um den Golfsport notdürftig aufrecht zu erhalten. Der DGV bot seinen Clubs deshalb Kurse für „Golf als Versehrtensport“ an. Doch die Bemühungen waren vergeblich. Angesichts landwirtschaftlicher oder militärischer Nutzung versuchte man an Plätzen zu erhalten, was zunehmend nicht mehr zu halten war. Golf stand mit dem Rücken zur Wand, da verlor der DGV auch seinen Führer: Bei einem Bombenangriff auf Wiesbaden wurde Karl Henkell 1944 tödlich verletzt. Sein kommissarisch aufgerückter Vize Burchard-Motz aus Hamburg stand vor den Scherben eines Verbandes, der passiv und aktiv dem „schönen Schein“ der Machthaber im In- und Ausland gedient hatte und zusammen mit der Nation an den Abgrund geraten war. Von Volker Mehnert und Dietrich R. Quanz |
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